Gemeinsam weiterdenken: Nachlese zur ESF+ Jahrestagung 2026
Unter dem Motto „Gemeinsam weiterdenken – Teilhabe als Schlüssel zur Wirksamkeit“ versammelten sich am 24. März 2026 zahlreiche Vertreter:innen aus Projekten, Verwaltung, Sozialpartnerschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft in der HausWirtschaft in Wien. Ziel war es, gemeinsam der Frage nachzugehen, wie Teilhabe gelingen kann und was sie wirksam macht.
Eröffnet wurde die Jahrestagung durch eine Videobotschaft von Bundesministerin Korinna Schumann sowie durch Roland Sauer, Leiter der Sektion Arbeitsmarkt im BMASGPK, und Angela Kohl seitens der HausWirtschaft. In seinen einführenden Worten betonte Roland Sauer die zentrale Bedeutung von Teilhabe in Zeiten tiefgreifender Veränderungen am Arbeitsmarkt: Digitalisierung, Fachkräftemangel und gesellschaftlicher Wandel erfordern neue Antworten und machen deutlich, dass Arbeitsmarktpolitik heute immer auch Sozialpolitik ist.
Teilhabe ist keine Selbstverständlichkeit – sie muss aktiv ermöglicht werden.
Die Keynote von Kathrin Braun (Fremde werden Freunde) eröffnete eine sehr persönliche und zugleich strukturelle Perspektive auf das Thema Teilhabe. Anhand einer konkreten Geschichte aus dem Verein zeigte sie, wie aus einer Idee oft zunächst unsichtbar und von Unsicherheit begleitet durch Unterstützung und geeignete Rahmenbedingungen ein Projekt entstehen kann.Viele Menschen, insbesondere mit Fluchtgeschichte, stoßen bereits vor der eigentlichen Beteiligung auf Hürden: fehlende Informationen, mangelndes Vertrauen in die eigene Wirksamkeit oder strukturelle Barrieren. Gleichzeitig zeigt sich deutlich: Das Interesse an Mitgestaltung ist vorhanden doch oft fehlt der Zugang. Teilhabe passiert dabei nicht nur in formalen politischen Prozessen, sondern vor allem im Alltag. In Nachbarschaften, Initiativen und Communities. Gerade hier entstehen Räume, in denen Menschen aktiv werden und Selbstwirksamkeit erfahren können.
Partizipation zwischen Anspruch und Realität
Im Zentrum der Podiumsdiskussion, moderiert von Pamela Rath, standen unterschiedliche Perspektiven auf Teilhabe in der Praxis.Es diskutierten Kathrin Braun (Fremde werden Freunde), Lukas Burnar (andererseits), Peter Tischler (ESF-Projekt zeit*raum*schaffen).
Ein zentrales Thema war das Gefühl vieler Menschen, kein Recht auf Mitgestaltung zu haben etwa aufgrund fehlender Staatsbürgerschaft oder struktureller Benachteiligung. Teilhabe beginnt daher oft mit etwas Grundlegendem: gehört und ernst genommen zu werden.
Gesprochen wurde auch die Rolle von Sichtbarkeit und Narrativen. Geschichten über marginalisierte Gruppen sichtbar zu machen, kann strukturelle Ungleichheiten aufzeigen aber gleichzeitig braucht es neue Formen der Darstellung, die Menschen nicht auf stereotype Rollen reduzieren, sondern ihre Perspektiven differenziert abbilden. Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Gestaltung partizipativer Projekte. Wenn Projekte gemeinsam mit den Zielgruppen entwickelt werden, entstehen neue Lösungsansätze und Perspektiven. Dafür braucht es jedoch Mut, Offenheit und flexible Rahmenbedingungen auch um auszuprobieren und aus Fehlern zu lernen.
Viele Formen von Teilhabe entstehen nicht in formalen politischen Strukturen, sondern in Projekten, Initiativen und Organisationen, die nah an den Lebensrealitäten der Menschen arbeiten. Sie schaffen Räume für Vertrauen, Beteiligung und Selbstwirksamkeit, oft lange bevor Teilhabe sichtbar oder institutionell verankert ist.
Austausch, Praxis und gemeinsames Lernen
Neben den inhaltlichen Inputs stand der Austausch im Mittelpunkt der Tagung. Im World Café kamen die Teilnehmenden direkt mit ESF+-Projekten aus ganz Österreich ins Gespräch. Vertreten waren unter anderem AFIT, Projekt27, Zeit*Raum*Schaffen, Digi+, BEP, BBE Women Empowerment, Integrationshaus Wien, Women.Digi.Work und beim VR- Roadshow Stand konnten 12 ESF+ Projekte virtuell erlebt werden. Die Bandbreite der Projekte zeigte eindrucksvoll, wie vielfältig Teilhabe in der Praxis umgesetzt wird, von Qualifizierung und Arbeitsmarktintegration über Frauenförderung bis hin zu Kreislaufwirtschaft und sozialer Innovation.
Am Nachmittag boten interaktive Workshops, organisiert im Rahmen von SI Plus, die Möglichkeit, partizipative Methoden direkt kennenzulernen und auszuprobieren. Formate wie ein erkundender Spaziergang, ein Gallery Walk oder Entscheidungsfindung im Konsent machten Teilhabe unmittelbar erfahrbar.
Fazit: Teilhabe braucht Raum, Zeit – und Vertrauen
Die ESF+ Jahrestagung 2026 hat gezeigt, dass Teilhabe nicht von selbst entsteht. Sie braucht Räume, Ressourcen und Vertrauen in Menschen, ihre Ideen und ihre Fähigkeiten.Gleichzeitig wurde deutlich, welches Potenzial in partizipativen Ansätzen steckt: Wenn Menschen die Möglichkeit bekommen, sich einzubringen und mitzugestalten, entstehen nicht nur individuelle Perspektiven, sondern auch neue Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen.
Oder, wie es sinngemäß in der Keynote angeklungen ist: Große Veränderungen beginnen oft klein – mit einer Idee, einer Person und dem Mut, etwas zu gestalten.
Der erste Teil der Veranstaltung wurde aufgezeichnet und kann hier nachgeschaut werden: https://youtu.be/zjKHPc-4xVE?si=wxKCz0pg14ylAdrh
Fotos Copyright: © BMASGPK/Pia Tepass